„Ich rate dringend, die Entscheidung erst dann zu treffen, wenn alle angesprochenen und offenen Punkte abschließend geklärt worden sind“, heißt es in einem Brief des CDU-Bundestagsabgeordneten Hermann Färber an Landrat Edgar Wolff. Mitglieder der kommunalen Parlamente sowie Vertreter des Aktionsbündnisses, das sich für den Erhalt der Geislinger Klinik einsetzt, hätten sich mit der Bitte um Unterstützung an den Bundestagsabgeordneten gewandt. „Aus den Gesprächen entnehme ich ein großes Unverständnis über das Gefühl des „Nicht-gehört-werdens“ sowie des „Nicht-ernst-genommen-werdens“. Bestimmte Punkte aus dem dritten Gutachten scheinen nicht genau genug hinterfragt worden zu sein“, berichtet Färber. Er sieht die Schließung einer Klinik in Pandemiezeiten kritisch und die Sicherstellung der medizinischen Grund- und Notfallversorgung im oberen Filstal sowie auf der Alb gefährdet.

„Mir stellt sich grundsätzlich die Frage, ob es mit Blick auf die Grund- und Notfallversorgung, die Bettenkapazitäten, Intensivbehandlungsplätze und Personalressourcen sinnvoll ist, ein voll funktionsfähiges Krankenhaus - insbesondere in Pandemiezeiten - zu schließen. Und darüber hinaus zudem noch vor Inbetriebnahme des neuen Krankenhauses in Göppingen“, so Färber. Auch vor dem Hintergrund, dass die Bevölkerung in den vergangenen 14 Monaten erhebliche Einschränkungen ihrer Freiheitsrechte hinnehmen musste, um die medizinische Infrastruktur nicht zu überlasten.

Bei der Betrachtung der Ergebnisse und Empfehlung des am 15. März 2021 veröffentlichten „Curacon-Gutachtens“ entstehe bei dem CDU-Parlamentarier der Eindruck, dass der wirtschaftliche Faktor bei den Szenarien eine gewichtigere Rolle spielt als die Grund- und vor allem die Notfallversorgung vor Ort. „Ich kenne die verschiedenen Argumente aus den unterschiedlichen Teilen des Landkreises. Selbstverständlich darf die Frage einer ordentlichen Finanzierung nicht außer Acht gelassen werden“, sagt Färber.
Aus den Gesprächen mit den Befürwortern der Helfensteinklinik entnehme Färber eine sehr tiefe Enttäuschung und tiefe Verärgerung, vor allem auch wegen des geplanten Wegfalls der Zentralen Notaufnahme (ZNA). Die Devise „Eine Klinik, zwei Standorte“, scheine dadurch vom Tisch.

„Entfällt eine ZNA im oberen Filstal, konzentriert sich die gesamte klinische Abwicklung von Notfällen auf den Standort Göppingen. Dies führt dort zu einem erhöhten Patientenaufkommen, für das logischerweise mehr Personalkapazitäten zur Verfügung stehen müssten, sowie zu einer möglicherweise längeren Anfahrt der Rettungsmittel vom Einsatzort zur Klinik. Das ist nicht im Sinne und zum Wohl des Patienten. Auch Rettungskräfte und Rettungsmittel sind dadurch länger für einen Patienten gebunden und somit für Folgeeinsätze später verfügbar“, so Färber. Mit dem Wegfall der Klinik in Geislingen wäre eine Entlastung des Standortes Göppingen nicht mehr gegeben. In diesem Zusammenhang weist Färber darauf hin , dass Rettungsorganisationen aus der betroffenen Raumschaft sich mit ihrer Expertise in diesen wichtigen Prozess einbringen können.

Es stehe außer Frage, dass ein gesundes wirtschaftliches Ergebnis für das Bestehen eines Hauses und vor allem deren Mitarbeiter große Bedeutung hat. „Dennoch bin ich der Meinung, dass eine Klinik in kommunaler Trägerschaft, die den Auftrag und Anspruch eines Kreiskrankenhauses mit einer optimalen, flächendeckenden sowie wohnortnahen Grund- und Notfallversorgung der Bevölkerung hat, betriebswirtschaftlich anders geführt werden müsste als vergleichbare Häuser in privater Hand“, schreibt der CDU-Abgeordnete in seinem Brief.

„Jeder hier bei uns wünscht sich eine qualitativ hochwertige und adäquate Grund- und Notfallversorgung“, schildert Färber seine Eindrücke aus den Gesprächen. Er erlebe allerdings bei diesem Thema ebenso, dass sich eine gesamte Raumschaft - Bevölkerung und Mitarbeiter der Helfensteinklinik - aus nachvollziehbaren, emotionalen und sachlichen Gründen gegen eine bevorstehende Veränderung des Standorts Geislingen wehrt. Im dritten Gutachten heißt es: „[...] Aufgrund der bestehenden engen und verknüpften Strukturen sind für die Standortrechnung an vielen Stellen Schätzungen und Annahmen notwendig. [...]". Dazu Färber: „Ich sehe hier die Möglichkeit, bestimmte Punkte nochmals detaillierter zu hinterfragen, den Entscheidungsprozess neu zu justieren sowie die Raumschaft stärker zu beteiligen.“ Eine Verschiebung der Entscheidung im Kreistag sei daher ratsam.

Kontaktperson

Vorheriger Beitrag Nächster Beitrag